Mittwoch, 2. Juli 2014
Welk.
Der warme Sommerwind streichelt sanft über die Stadt.
Er findet ungeduldige Autofahrer in überhitzten Autos, ruhende Sonnenanbeter in überfüllten Straßencafés, kreischende Kinder in Badeseen.
Er weht über leere Wasserflaschen, zerfetzte Einwickelpapiere für Eiswaffeln und heißen Asphalt.
Über ein Rosenblatt.

Ein Rosenblatt?

Der Wind hält einen Moment inne; atemlose Stille. Dann kehrt er um.

Ein Rosenblatt.
Mitten auf dem Gehweg vor einem Supermarkt liegt es, halb verwelkt, das einst tiefe Rot zu einem fleckigen Braun verblasst, die Ränder faltig und alt. Und doch…
Der Wind sieht vieles auf seinen Streifzügen durch die Stadt; er kennt das Blatt. Er hat es schon öfter gesehen.
Er weiß, was jetzt passieren wird.
Er hält ein wenig Abstand zu dem Blatt und beobachtet. Tatsächlich…
Die welken Ränder des Blattes straffen sich unmerklich, kleine Risse und Kerben heilen, Bruchstellen fügen sich zusammen. Die Farbe ändert sich: In das müde, ausgelaugte Braun kehrt Rot zurück; fast unmerklich sickert es ein, tropft zurück in das Blatt, füllt es, langsam erst, aber unaufhaltsam. Ein tiefes, sinnliches Rot, eine Verführung in Farbe.
Auch die Brüchigkeit des Blatts verschwindet. Das Rot bringt die Weichheit mit, die Sanftheit, die Samtigkeit.



Der Wind fängt den leichten Duft ein, unmerklich fast, doch süß und voller Versprechen.
Und plötzlich nimmt er sie wahr.
Sie kommt schweren Schrittes die Straße entlang, die Schultern gebeugt, die Haare fettig, die Augen verweint.
Sie leidet.

Der Wind will keinen Anteil haben an dem, was jetzt kommen wird.
Er wird schwer, sammelt Kraft, versucht, den Rosenduft weg zu wehen, doch es ist zu spät: Ihre Nase kräuselt sich bereits.
Er hat es wieder nicht geschafft, nicht ein einziges Mal bis jetzt, in all der Zeit.
Nicht ein einziges Mal.
Der Wind zieht sich ein wenig zurück.

Sie sucht bereits die Quelle des Duftes. Sieht das rote, sinnliche, samtige Rosenblatt auf dem Gehweg liegen, ein Fremdkörper, unbeachtete Schönheit.
Ihre Augen füllen sich mit Tränen.
Sie bückt sich nach dem Blatt.

Der Wind seufzt leise.

***

Sie sitzt auf der Fensterbank am geöffneten Fenster in ihrer Wohnung, starrt nach draußen. Ihre Finger liebkosen das Rosenblatt.
Er betritt den Raum. Sie hat keinen Blick für ihn übrig.
Hallo.
Sie antwortet nicht.
Es tut mir leid.
Du hast dich eine ganze Woche nicht gemeldet.
Ihre Finger streicheln das samtige Rosenblatt.
Ich weiß, und es tut mir Leid. Sie haben einen Herzfehler bei meiner Schwester gefunden und müssen sie operieren. Mir war einfach nicht nach Plaudern und guter Laune.
Sie sieht nicht seine gebeugten Schultern, hört nicht seine müde Stimme. Ihre Finger krampfen sich um das Rosenblatt und sie explodiert.
Nach Plaudern und guter Laune?! Du dummes Arschloch!
Sie sieht nicht, wie er erstarrt. Sie ballt die Faust über dem Rosenblatt.
Du dummes Arschloch! Glaubst du wirklich, ich will dich nur plaudernd und guter Laune? Ich will dich in jeder Stimmung, ich dachte, das hätte ich klar gemacht!
Sie stößt ihm einen Finger vor die Brust.
Krieg das endlich in deinen Schädel! Ich will dich immer! Kapier das endlich! Was ist denn jetzt mit deiner Schwester? Wie geht es ihr?
Doch ihre Worte erreichen ihn nicht mehr.
Donnerwetter, das ist gut. Das ist wirklich gut. Danke fürs Anschreien und Beleidigen.
Du hast es verdient!
Wow. Danke, wirklich. Ich erzähle dir, dass ich Angst habe und nicht mehr kann, und du explodierst und beschimpfst mich. Danke.
Sie sieht ihn zum ersten Mal richtig an.
Hör zu, es tut mir Leid, ich hätte das nicht so sagen sollen, aber…
Er dreht sich wortlos um und geht, und sie weiß, dass er nicht mehr zurückkommen wird.
Wie betäubt kehrt sie zur Fensterbank zurück.

Sie fühlt das Knistern mehr, als sie es hört.
Sie öffnet ihre Hand und blickt auf ein altes verwelktes Rosenblatt.
Sie streckt die Hand nach draußen und fühlt den Sommerwind über ihre Hand streichen, fühlt ihn das welke Blatt mitnehmen.

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Buh.

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